Einfluss der militärischen, politischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten auf das Stadtbild und die Stadtmauern

Radkersburg hatte durch seine Grenzlage von Anfang an eine strategisch wichtige Bedeutung als Festung. Diese Festung hatte die Aufgabe einen ersten Ansturm zu brechen und somit ein Vordringen möglicher Feinde durch das untere Murtal gegen die Landeshauptstadt zu verhindern. Im Jahre 1582 wurde Radkersburg auf dem Reichstag in Augsburg zur Reichsfestung erhoben.
Das mittelalterliche Radkersburg war von einer einfachen Mauer, der Ringmauer, umgeben und von einem Graben umschlossen. Zwei Tore (später als Ungar- und Grazertor bekannt) wurden durch eine gerade, in nordsüdlicher Richtung verlaufende Straße - die heutige Langgasse - miteinander verbunden.
Die alte Siedlung wurde neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge unter dem Habsburger Albrecht I. erweitert. Diese Neuanlage erfolgte nach einem präzisen Plan. Aus ihr erwuchs die heutige Stadt Bad Radkersburg. Die Neuanlage wurde ummauert und mit Türmen umgeben, wobei die Stadtplaner – so nimmt man an - die Burg im Bereich der Pfarrgasse bzw. oberen Langgasse in die Neuanlage integrierten. Die Nordostecke, dem heutigen Tabor, baute man erst später zu einer besonders starken Wehrecke aus.
Die Wehrtürme waren ein wesentliches Element dieser mittelalterlichen Befestigung, von denen heute noch vier mehr oder weniger erhalten sind: am ehemaligen Augustinerkloser, an der Pfarrkirche, an der Kapuzinerbastei und am heute sogenannten Obalturm.
Die Beteiligung an Bau und Erhalt der Stadtbefestigung sowie die Verteidigung waren nicht nur die Pflicht der Stadtbürger und Einwohner, sondern auch der Landbevölkerung der Umgebung. Die Bauern konnten dafür bei Gefahr Zuflucht in der befestigten Stadt finden.
Die Auseinandersetzungen mit dem Osmanischen Reich im 16. Jhd. zwangen zur Erneuerung und Modernisierung des Festungsbaus. Es ging dabei v.a. um die Sicherung der steirischen Grenze, denn seit der Schlacht bei Mohács 1526 war Ungarn zum Großteil unter osmanischer Herrschaft. Die Verteidigung musste - wie 1529 bei der Schlacht um Wien deutlich wurde - neuen Kampfbedingungen angepasst werden, da die mittelalterlichen Festungsbauten den verbesserten Feuerwaffen und der Artillerie nicht mehr Widerstand leisten konnten.
Auch für Radkersburg hatten diese neuen Entwicklungen Konsequenzen.
Zunächst wurden die mittelalterlichen Festungen jedoch aus finanziellen und politischen Gründen nur ausgebessert. Erst ab 1544 wurde mit der Erstellung eines umfassenden Befestigungskonzeptes begonnen. Das Zentrum der Abwehr war die Landeshauptstadt Graz, der ein innerer und äußerer Verteidigungsgürtel vorgelagert war. Zur inneren Linie gehörte Radkersburg.
Italienische Baumeister wurden aufgrund ihrer ausgezeichneten Kenntnisse im Festungsbau nach Österreich geholt. Mit der Bauleitung wurde der aus Lugano stammende Domenico dell Allio beauftragt. Die erste Ausbauphase in Radkersburg war demnach besonders durch die Leistung dell Allios gekennzeichnet. Die neuzeitlichen Befestigungsanlagen in Radkersburg umschlossen den bestehenden mittelalterlichen Stadtkern samt ihrer Ringmauer. Die Hauptmerkmale der Renaissancebefestigung waren Bastionen, Kurtinen (= ein die Basteien verbindendes Mauerwerk) und ein tiefer Graben. Die erste Phase des Baus wurde durch den Tod dell Allios 1564 schließlich beendet.
Die zweite Phase begann dann erst wieder 1570 unter der Leitung von dell Allios Nachfolger Franceso Theobaldi und dauerte bis zur Fertigstellung der Festung im Jahre 1591. Die Kosten für den Festungsbau waren enorm (100.000 Gulden). Neben den Finanzierungsproblemen beeinträchtigen außerdem Katastrophen wie Brände und Hochwasser, die bereits ausgeführte Arbeiten zunichte machten, die Bautätigkeit. So wurde z.B. im Jahre 1549 die Stadtmauer vom Murtor bis zum Turm des Augustinerklosters durch einen Brand schwer beschädigt. Wiederaufbauarbeiten waren unumgänglich und wurden noch im Jahre 1574 in Angriff genommen. Trotzdem wurde dem Zustand der Festung im darauffolgendem Jahr bei einer Begutachtung durch den kaiserlichen Baumeister ein schlechtes Zeugnis ausgestellt. Er forderte eine Lösung, um die räumlich voneinander getrennten Wehrzentren - Schloßberg, Stadtteil Gries und Stadt - sicherheitstechnisch miteinander zu verbinden. Sollte der Berg vom Feind eingenommen werden, wäre dies ansonsten eine günstige Ausgangssituation für den Beschuss Radkersburgs. Die Terrainbeschaffenheit des Berges widersetzte sich allerdings der praktischen Umsetzung dieser Förderung.
1591 wurde das "Gebäu" offiziell eingestellt, allerdings handelte es sich bei der Festung Radkersburg um ein nie wirklich abgeschlossenes Bauwerk. Immer wieder wurden die Festungswerke durch Hochwasser, Brände und Witterungseinflüsse wie Schnee oder Regen beschädigt und mussten von Zeit zu Zeit restauriert oder neu aufgebaut werden. 1605 lag die Stadt beinahe offen da. Trotzdem entschloss man sich in Graz spät und nur zögernd, umfassende Ausbesserungsarbeiten an den Festungswerken durchzuführen. Die Mauer zwischen dem Pulverturm und der Pfaffenbastei war inzwischen so schadhaft, dass ein kleines Kind mühelos darüber steigen konnte.
Martin Stier wurde daraufhin Mitte des 17.Jhd. beauftragt, die Grenzfestungen hinsichtlich ihrer Wehrhaftigkeit zu untersuchen, ihren gegenwärtigen Zustand festzuhalten und Verbesserungsvorschläge zu unterbreiten. Bei diesen Arbeiten handelt es sich um die ersten - bekannten - vollständig durchgearbeiteten Aufnahmen des Stadtgebietes von Radkersburg und des Schloßberger. Stier befand, dass die Stadt ohne genügende Befestigung des Schloßberges nicht zu verteidigen sei. Seine Vorschläge betrafen die Befestigung des Schloßberges, sowie des auf der anderen Murseite gelegenen Stadtteils Gries, weiters die Verbesserung der Basteien und die Errichtung eines "gedeckten Wallganges" (im Bereich der heutigen Stadtparkallee) und die Neugestaltung der Westfront der Stadt. Zwischen der Vorstadtbastei und der Murbastei gab es keine Kurtine, auch fehlte dort der Graben. Zur Behebung dieses Fehlers musste allerdings die Murvorstadt geschliffen werden, was einen sehr hohen Arbeitsaufwand von ca. 3 Monaten mit 700 Mann erforderte.
Infolge der spärlich fließenden Geldmittel und des extrem hohen Arbeitsaufwandes der vorgeschlagenen Maßnahmen von Stier und einer von permanenten Bränden und Hochwasser "angeschlagenen" Bevölkerung, war die Umsetzung dieser Vorhaben nicht möglich.
Wenige Jahre nach dem Stierschen Aufnahmen faßte der Ingenieur Michael Possänner ebenfalls Verbesserungsvorschläge für die Festung Radkersburg in einem Plan zusammen. Im großen und ganzen sind es dieselben Vorschläge wie bei Stier.
Der äußerste Rand des Stadtgraben, die heutige Stadtparkallee, wurde als "gedeckter Weg" in den westlichen Teil der Anlage integriert. Wahrscheinlich erhielt auch das Oberradkersburger Schloss eine feldmäßige, nur in Erde ausgeführte, Verschanzung, da die Stadtbefestigung ohne Einbeziehung des Schlosses wertlos war. Großzügige Vorschläge wie die Befestigung des Schloßberges und der Vorstadt Gries, die einen besseren Zusammenschluss der beiden voneinander getrennten Wehrzentren bewirkt hätten, wurden nie verwirklicht. Der Grund dafür liegt wohl in den kriegerischen Auseinandersetzungen in der zweiten Hälfte des 17. Jhd.
1644 waren die Ausbesserungsarbeiten fertiggestellt.
Mit dem Ende der Auseinandersetzungen mit dem Osmanischen Reich im 18. Jhd. endete auch die Wichtigkeit Radkersburgs als Festungsstadt. Nach Auflassung der Festung (1773) wurden die Festungsgründe der Stadt übergeben, in weiterer Folge aufgeteilt und an die Bewohner verkauft. Die Stadt wurde an mehreren Stellen zugänglich gemacht und die beiden Stadttore (Grazertor und Ungartor) geschliffen. Trotz einiger baulichen Veränderungen innerhalb der letzten 200 Jahre sind die zentralen Elemente der Befestigung in einer nahezu einzigartigen, geschlossenen Form erhalten geblieben.