Verwendung der Materialien in den jeweiligen Bauphasen der Stadtmauer

Mit der ersten Phase (1546-1564) des Festungsbaus unter Domenico dell Allio war eine durchgreifende Änderung des Befestigungssystems verbunden, deren Notwendigkeit durch die Wirkungen der groben Geschütze gegeben war. Die neue Festungstechnik bevorzugte im Gegensatz zur alten die gebrochenen Linien und Winkel, um den Feuerschutz der Verteidigungsfront durch Flankierung zu vermehren, ein Grundsatz, der sich in der spätmittelalterlichen Stadtbefestigung durch das Vorschieben von Mauertürmen und Rondellen vorbereitet hatte.
Anstatt der Mauertürme traten die vorspringenden Bastionen, die wesentlich niedriger und geräumiger waren, um einerseits dem Geschütz der Belagerer eine geringe Angriffsfläche zu bieten, andererseits dem Verteidiger das Auffahren mehrerer Geschütze zu ermöglichen. Weiters waren die Bastionen im Gegensatz zu den gemauerten Türmen Erdwerke und nur an der Außenseite mit Ziegelmauern verkleidet. Die zwischen den Stadttürmen verlaufenden Ringmauern wurden durch breite Erdwälle, die Kurtinen, ersetzt, die am Fuß und ebenso am oberen Rand nach vorne gegen den Stadtgraben (Escarpe) mit gehauenen Werksteinen versehen wurden. Sie enthielten die Kasematten als Lagerräume für Kriegsmaterial und zum Schutz der in der Feuerlinie stehenden Besatzung.
Die neue Befestigungstechnik maß dem Graben eine besondere Wichtigkeit zu, er wurde verbreitert und vertieft, wozu immer der Zeitpunkt des tiefsten Wasserstandes abgewartet wurde und der Zufluss von der Mur ferngehalten werden musste. Das Erdreich, das man dabei gewann, wurde ringsum zur Aufschüttung vor die Stadtmauer verwendet. Vielfach wurde auch die feindwärts gerichtete Grabenwand durch Steine verstärkt. Dem äußeren Grabenrand wurde ein Wall oder Damm vorgelegt, den einspringenden Winkeln der Bastionen, Kurtinen und des Stadtgrabens entsprechend ebenfalls im Zickzack. Vor dem Wall wurde als erstes Hindernis eine Pfahlwerkzone angelegt.
Das Baumaterial stammt aus der näheren und weiteren Umgebung der Stadt. Die Werksteine und Ziegel wurden vom Herzog- und Pöllitschberg herangebracht, sie dienten zum Verkleiden der Kurtinen und Bastionen. Anfänglich wurden auch die Steine der abgebrochenen St. Ruprechtskirche verwendet. Die Kalksteine stammten aus Halbenrain, Mureck und Hl. Dreikönig. Für den Mauerkranz und zum Verkleiden bevorzugten die Baumeister den harten Basalt aus Klöch. Der Bedarf an Bauholz wurde aus den landesfürstlichen und herrschaftlichen Wäldern der Umgebung gedeckt.
1547 ging man an die Errichtung der Bastei bei oberen Tor ("Ungartor", "Ungarbastei") an der Nordostecke der Stadt. Fast gleichzeitig wurde auch an der Bürgerbastei gearbeitet (beide Basteien waren im großen und ganzen 1550 beendet).
Auf der entgegengesetzten Stadtseite war inzwischen durch einen Brand (1549) die Stadtmauer vom unteren Tor, dem Murtor, bis zum Turm des Augustinerklosters schwer beschädigt worden und bedurfte sofortiger Wiederherstellung. Danach ruhte die Bauarbeit an den Festungswerken, da zunächst die Brandschäden an den Häusern selbst behoben werden mussten.
1554 wurde wieder mit den Festungsbauarbeiten weitergemacht. Zuerst mussten wieder die Gräben geräumt und vertieft werden, dann wurde mit dem Bau der Murbastei begonnen. Im Jahre 1556 wurde in diese Bastei das große Stadttor (Murtor) ausgehauen. Zwei Jahre später schritt dell Allio an die Errichtung eines Grabens, "von der neuen Bastei neben der Stadtmauer" muraufwärts, dabei fielen ungefähr 15 Klafter der Ringmauer, sowie eine Ecke des großen "Fleischhackerturms" ein. 1571 beschädigte ein gewaltiges Hochwasser wiederum die Werke so schwer, das an mehreren Stellen die Stadtmauer einstürzte.
1574 war es um die Festungswerke schlecht bestellt. Die nötigen Restaurationsarbeiten leiteten die zweite große Phase des Festungsbaus (1570-1591) ein. Gräben mussten geräumt, Bollwerke mit einer Mauer befestigt, der Wall erhöht und die Kasematten mit Ziegeln und Steinen gemauert werden. All diese Arbeiten wurden noch im selben Jahr vollendet. Gleichzeitig ist die eingefallene Ringmauer wiedererrichtet und die Pfarrkirche in den Festungsgürtel einbezogen worden. Dann schritt man zur Errichtung der Hohlen Bastei ("Eckh am Ungartor"). Der militärische Wert und der Bauzustand der Festung besserten sich aber durch all diese Maßnahmen nicht wesentlich. Dem Oberradkersburger Schloßberg fehlte ein festes Erdreich und der gemauerte Fuß war angesichts der Hochwassergefahr viel zu schwach, weshalb sicherheitshalber auch die Ecke der hohlen Bastei verstärkt wurden. Weiters ging man daran, das neu angefangene Ungartor zu vollenden, sein Dach zu decken und oberhalb der Tordurchfahrt eine kleine Zeugkammer zu errichten.
In den darauffolgenden Jahren stiegen noch Bastei um Bastei empor und erhielten letzte Werkstein aufgesetzt. 1584 waren die Bastei Nr.6 (=Augustinerkloster, später Teufelsloch- oder Kapuzinerbastei), und mehrere Kurtinen fertiggestellt. Im folgenden Jahr schritt man zur Errichtung der letzten Bastei, der Pfaffenbastei (=Bastei beim Kirchturm).
Gleichzeitig wurde der Murarm mit Wehren verschlagen und das Wasser des Prentlhof-Mühlganges zur Füllung der Stadtgräben hineingeleitet. Diese Maßnahmen waren jedoch relativ wirkungslos, denn bereits 1589 wurde das Gelände an der Westseite der Stadt durch ein gewaltiges Hochwasser mit mehreren Gängen durchbrochen und arg verwüstet.
Obwohl der Festungsbau 1591 offiziell vollendet war, mussten von Zeit zu Zeit Schäden behoben werden, die v.a. durch Brände, Hochwasser oder andere Witterungseinflüsse entstanden waren. Ferner mussten die Werke auch immer wieder dem neusten Stand der Festungstechnik angepasst werden. Jahrzehntelang wurde daher restauriert und vervollständigt. Erst In den Jahren 1620 bis 1633 wurden umfangreiche Ausbesserungsarbeiten an den Festungswerken getätigt.
In den folgenden Jahren und Jahrzehnten wurde nicht mehr erweitert, sondern nur mehr ausgebessert. Schon 1690 waren die Schlagbrücken über dem Stadtgraben verfault, sodass sie sich nicht mehr aufziehen ließen. Ausbesserungsarbeiten an den Festungswerken, die wiederum v.a. durch Hochwasserschäden notwendig waren, wurden während des ganzen 18.Jhd. immer wieder vorgenommen.